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| Interview mit Gunther Strähle |
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Beim Mercedes-Cup am Stuttgarter Weissenhof hatte ich die Gelegenheit, mich mit Gunther
Strähle, einem der erfahrensten deutschen Profibesaiter und langjährigem Betreuer des
deutschen Davis Cup Teams, über Saiten, Schläger und Besaitung zu unterhalten.
Herr Strähle, bitte schildern Sie mir kurz Ihren beruflichen Werdegang.
Ich habe zunächst eine Ausbildung in einem Sportgeschäft gemacht und danach meinen Wehrdienst
absolviert. Nach kurzer Zeit bin ich dann zur Firma Pacific gestoßen als Verkaufsförderer und
habe mich auf dem Gebiet Saiten und Bespannung spezialisiert. Vorher hatte die Firma lediglich
beim Porsche-Grand-Prix in Filderstadt und beim WTC Masters in München den Bespannservice
übernommen. In den letzten 15 Jahren habe ich das dann vorangetrieben, so daß wir inzwischen
bei fast allen Turnieren in Deutschland vor Ort sind. Dadurch habe ich natürlich auch die ganzen
Spieler und Trainer in Deutschland kennengelernt. Pacific ist auch in den DTB-Pool eingetreten,
und irgendwann hat der DTB angefragt, ob wir Interesse hätten, das deutsche Davis Cup Team auf
längerfristige Zeit zu betreuen. Seit 1993 betreue ich nun das deutsche Davis Cup Team. |
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Betreuen Sie das Davis Cup Team alleine oder steht da ein ganzes Team dahinter?
Beim Davis Cup mache ich die ganze Sache alleine, da das Schlägervolumen natürlich sehr
beschränkt ist. Ich bin auch Mitglied der Mannschaft und wohne mit der Mannschaft im Hotel. Es ist
gar nicht gewünscht, daß mehrere Leute da sind, sondern es ist wichtig, daß es nur
einen Ansprechpartner gibt. Es ist eine Vertrauenssache, genauso wie Arzt oder Masseur.
Auf den Turnieren ist es anders, da habe ich mir in den letzten 10 Jahren ein Team aus 10-15 Leuten
zusammengestellt, die uns immer wieder helfen.
Sie sitzen dann auch immer auf der Bank und feuern die Spieler an, ich denke man hat Sie auch schon
oft im Fernsehen gesehen.
Ja klar, ich lebe Tennis, spiele privat auch viel Tennis und es ist einfach meine Welt.
Hat die gegnerische Mannschaft beim Davis Cup ihren eigenen Bespanner dabei?
Beim Davis Cup in der Weltgruppe ist es in der Regel schon so, daß da ein eigener Bespanner
mitkommt. Wenn nicht, dann besorge ich meistens für die Gastmannschaft einen Servicemann, der
dann für die Gastmannschaft besaitet.
Ist es schon mal vorgekommen, daß die Gastmannschaft unzufrieden war mit dem
Besaitungsservice?
Nein, eigentlich nicht. Es wurde zwar schon mal angefragt, ob ich die Schläger für die
Gastmannschaft besaiten kann, aber das möchte ich nicht, einfach damit später kein böses
Blut aufkommt. Es kann ja auch mal durchaus vorkommen, daß man mehrere Match-Schläger
bespannen muß, und da haben die Schläger der eigenen Mannschaft natürlich
Priorität. Unser Arzt behandelt auch nicht die anderen Spieler. Ich helfe aber so gut ich kann,
daß die andere Mannschaft einen guten Mann bekommt.
Sie sind dann bei Auswärtsspielen der deutschen Mannschaft auch immer dabei?
Ja, dieses Jahr war ich mit dabei in Argentinien, letztes Jahr in der ersten Runde haben wir in
Kroatien gespielt.
Wie ist Ihr Verhältnis sonst so zu den übrigen Spielern auf der Tour, beraten Sie diese
auch?
Ich gebe den Spielern durchaus mal Tips, da ich die Schläger immer prüfe, z.B. auf Gewicht
und Balance, und wenn die Schläger unterschiedlich sind, spreche ich den Spieler darauf an, ob er
es noch nicht gemerkt hat. Die meisten Spieler merken es aber selbst. Ich gebe den Spielern auch ab und
zu neue Produkte von unserer Firma zum Ausprobieren oder sage z.B. "probier' mal eine dünnere
Saite", und so kann ich dem Spieler meine Erfahrungen, die ich gesammelt habe, weitergeben.
Mit welchen Spielern arbeiten Sie beispielsweise zusammen?
Das sind zum einen natürlich die Pacific-Vertragsspieler, z.B. der junge Nachwuchsspieler
Andreas Beck, Simon Greul, oder dann z.B. Mikhail Youzhny, der jetzt auch diese neue Kombination
Polyester/Darm spielt. Das kommt jetzt immer mehr in den Spitzensport, vor allem auf Sand kommen
diese Kombinationen. Ich habe aber auch Spielern wie dem jungen Rafael Nadal oder auch Kratochvil
Saiten empfohlen, von denen ich denke, daß sie für deren Schläger besser sind. Dem
Kratochvil habe ich z.B. diese Woche Saiten gegeben und er hat mich gestern angerufen und hat gesagt,
"ja, Sie haben Recht gehabt, das spielt sich besser". Man freut sich dann wenn man solche
Anrufe bekommt.
Sind die Profis nicht generell ein bißchen konservativ, was das Material angeht? Muß
man sie nicht immer überreden, neue Saiten oder Schläger zu testen?
Das kommt ganz darauf an. Wenn ein Spieler Erfolg hat und vorne steht, dann ist er
verständlicherweise kaum bereit, etwas zu ändern. Junge Spieler sind eher bereit, etwas
auszuprobieren, oder ältere Spieler, die nicht mehr ganz so weit vorne mitspielen. Die spielen
dann z.B. schnellere Schläger oder schnellere Saiten und probieren viel aus.
Wie viele Spieler haben einen persönlichen Bespanner auf der Tour dabei?
Ganz wenige Spieler auf der Tour haben ihren eigenen Bespanner dabei, z.B. Lleyton Hewitt, Andre Agassi,
Pete Sampras oder Boris Becker, aber 98% geben ihren Schläger beim Turnierservice ab.
Boris Becker hat ja noch Davis Cup gespielt, während Sie die Mannschaft betreut haben. Hat er
die Schläger dann seinem eigenen Bespanner gegeben?
Seitdem ich die Davis Cup Mannschaft betreue, war Boris Becker drei mal als Spieler dabei. Bei diesen
Begegnungen habe ich seine Schläger besaitet. Es ist auch schon mal auf den Turnieren dazu
gekommen, daß ich seine Schläger bearbeitet habe, wenn sein Bespanner gerade nicht vor Ort
war.
Gibt es bei den Profis viele Sonderwünsche, was die Bespannung angeht? Fallen Ihnen kuriose
Fälle ein?
Ja, da gibt es z.B. Spieler wie Max Mirnyi, Tommy Robredo, Feliciano Lopez oder auch Fernando Gonzales,
die ihre Schläger ganz frisch, also kurz vor dem Match bespannt haben wollen. Die bringen ihre 2-3
Schläger so ein bis zwei Stunden vor dem Match und wollen sie ganz frisch bespannt haben.
Auf der anderen Seite gibt es wiederum Spieler wie Rainer Schüttler, der wünscht es, daß
die Schläger am Abend bespannt werden, damit sie sich noch ein bißchen legen. Die
Schläger verlieren dann über Nacht ca. ein halbes Kilo, so daß sie einfach nicht ganz
so hart sind und die Spieler ein bißchen mehr Gefühl haben.
Man sieht auch ab und zu, daß die Spieler ihre frischen Schläger aus der Kühltruhe
nehmen, wozu machen sie das?
Gerade bei heißen Tagen, insbesondere wenn z.B. die Schlägertasche in der Sonne steht, wird
die Bespannung durch die Hitze wesentlich weicher. Deshalb legen die Spieler ihre Schläger in die
Kühlbox, damit die Bespannung nicht weich wird.
Muß der Spieler dann nicht theoretisch alle 20 Minuten den Schläger wechseln, da sich die
Saite dann beim Spielen aufheizt und weich wird?
Es gibt wenige Spieler, die das machen, also z.B. immer nach 7 bzw. 9 Spielen den Schläger
wechseln, z.B. Lendl, Becker oder auch Haas. Es gibt aber auch Spieler, die mit einem Schläger das
komplette Match durchspielen. Meistens sind es Spieler mit Polyestersaiten, welche eher öfter
wechseln, weil die Saite relativ schnell nachläßt.
Stichwort Temperatur: Wie viel Bespannungshärte muß man bei entsprechenden
Außentemperaturen korrigieren, um gleiche Spieleigenschaften wie bei Normaltemperaturen zu
erhalten?
Hier waren es z.B. Anfang der Woche 30°C und die Spieler haben so 1-2 kg höher bespannt. Am
Mittwoch gab es einen kleinen Temperatursturz und die Spieler sind mit dem Bespanngewicht 1 kg
heruntergegangen gegenüber ihrem Normalgewicht.
Inwiefern beeinflussen die Bälle die Besaitungshärte?
Prinzipiell kann man sagen, je härter der Ball, umso weicher sollte man bespannen. Bei relativ
weichen Bälle, die etwas mehr fliegen, wie z.B. Penn und Wilson, wird ca. 1-2 kg höher
bespannt. Bei Dunlop-Bällen normal, und bei drucklosen Tretorn-Bällen ungefähr 2 kg
weicher.
Bei internationalen Turnieren kann ja auch die Meereshöhe einen Einfluß haben.
Ja, in Gstaad oder Kitzbühel beispielsweise springen die Bälle aufgrund der Höhenlage
ein bißchen höher ab, und die meisten Spieler lassen 1-2 kg härter bespannen.
Haben die Spieler bei einem Match immer ein Set aus identisch bespannten Schlägern dabei oder
unterschiedlich bespannte Schläger, um sich auf veränderliche Bedingungen einzustellen?
Das hängt auch ganz vom Spieler ab. Es gibt Spieler, die lassen 3 Schläger gleich hart
bespannen, es gibt aber auch Spieler, die zusätzlich noch einen weicheren und einen härteren
Schläger dabeihaben. So können sie auf Temperaturveränderungen, gerade bei
Freiluft-Turnieren, reagieren.
Wie unterschiedlich lassen Spieler auf Freiluft- und Hallenturnieren besaiten?
Generell wird auf schnellen Belägen wie Teppich und Supreme Court etwas härter bespannt.
Was man zusätzlich in der Halle auch nicht außer Acht lassen darf, gerade z.B. bei Davis
Cup-Begegnungen in größeren Hallen: Das erste Match beginnt um 12 Uhr und die Halle ist
noch relativ kühl. Dann sind Pausen und die Halle wird voll, es wird geraucht und die Temperatur
ist plötzlich 6-7°C höher als vorher. Ich habe dann öfters Schläger während
des Matches aufgrund dieses Temperaturanstiegs besaiten können. Durch diese Erfahrung kann ich
jetzt natürlich vorbeugen, z.B. indem man beim zweiten Spieler von Haus aus 1-2 Schläger
etwas höher bespannt, so daß er für einen Temperaturanstieg gerüstet ist.
Bringen die Profis immer ihre Saiten mit zu den Turnieren oder haben Sie die Saiten vorrätig
beim Bespannservice?
Ich habe alle Pacfic-Saiten dabei, und wenn Spieler mal keine Saite dabei haben, empfehlen wir ihnen
diese. Aber 99% der Spieler in dieser Kategorie wie beim Turnier hier in Stuttgart haben ihr eigenes
Produkt dabei.
Kann man sich bei Pacific zum Bespanner ausbilden lassen?
Ja, wir bieten zum einen bei uns im Haus in Hochdorf Bespannlehrgänge an, bei denen wir auch z.B.
mit Intersport zusammenarbeiten. Zum anderen laden wir auch teilweise Leute aus dem Sportfachhandel auf
die Turniere ein, um sie dann Stück für Stück an die Spieler heranzuführen. Nicht
am Anfang, aber sie werden 1-2 Tage ausgebildet, und sie werden eingeschult und eingearbeitet, wie man
eigentlich auf einem Turnier arbeitet. Em Ende der Woche bekommen sie ein Zertifikat, daß sie an
dem Turnier teilgenommen haben.
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Wie ist der durchschnittliche Stundenlohn eines Turnierbespanners?
So genau kann man das nicht sagen. Generell ist es so, daß die Spieler pro Bespannung 15 Euro
bezahlen. Es gibt Leute, die bekommen einen festen Tagessatz, und manche werden pro Schläger
bezahlt. Im Schnitt sind das zwischen 7 und 8 Euro pro Schläger.
Macht es Ihnen etwas aus, wenn Ihnen die Besucher auf Turnieren beim Besaiten zusehen?
Das macht mir nichts aus, es gibt viele Leute die auch Tennis spielen und teilweise in Clubs besaiten,
und mit offenem Mund dastehen und staunen, wie schnell das geht und wie viel Fingerspitzengefühl
die Besaiter haben. Wir geben den Leuten durchaus auch Tips, also ich verweigere mich da auch nicht
und bin für alle Fragen offen, Geheimnisse gibt es da eigentlich nicht. Es ist ganz normale Arbeit
und ich mache da auch keine Show drum.
Wie kann der Hobbybesaiter das Optimum aus seiner Bespannung herausholen?
Wichtig ist heutzutage, daß die Schläger vom Kopf zum Herz bespannt werden. Im
Fachgeschäft wird das häufig nicht gewußt, was mit dem Schläger passiert, wenn man
die Quersaiten vom Herz zum Kopf bespannt. Der Schläger bekommt eine andere Verformung, und er
spielt sich auch anders.Wenn Sie von oben nach unten arbeiten, stehen die Quersaiten viel besser im
Schläger. Wichtig ist auch, daß man die Quersaiten mit einer Richtahle geradeschiebt, bevor
man mit der Zange abklemmt, so daß die Saite weniger wandert und die Bespannung insgesamt
gleichmäßiger wird.
Benutzen Sie eine Ahle, um die Saite vor dem Knoten in der Öse zu fixieren?
Wir stecken keine Spitzahle in die Knotenöse, sondern wir benutzen einen speziellen
Doppelschlaufknoten, bei dem zunächst mit der Flachzange das, was außen am Rahmen ist,
fest angezogen wird, und dann der Knoten festgezogen wird.
Jemand, der geübt ist, braucht im Prinzip keine Ahle mehr. Außer die Bohrung ist eng und
man kommt mit der zweiten Saite nicht durch die Öse. Dann kann man die Ahle benutzen, um die
Öse etwas zu erweitern.
Erhöhen Sie dann das Zuggewicht bei der letzten Saite vor dem Knoten?
In unsere Geräte ist eine spezielle Knoten-Taste integriert, welche die letzte Saite vor dem
Knoten mit 10% überzieht.
Bei dem Besaitungssystem IPDS erhält jede Saite im Schläger eine individuelle Spannung
relativ zu ihrer Länge. Was ist der Vorteil dabei?
Boris Becker hat dieses System eine Zeit lang gespielt. Es ist sehr speziell, man muß sich sehr
gut auskennen mit Saiten und Schlägern. Es gibt zwar Vorgaben, bei welcher Länge und Anzahl
der Saiten man welche Härte verwenden soll, aber man kann auch stark daneben liegen. Bei
unterschiedlichen Saitenmaterialien, also harten oder weichen Saiten, reagiert das System ganz
unterschiedlich. Wenn man 2-3 Spieler betreut und nur diese, dann kann man das System anwenden und
es bringt Vorteile, aber für die Masse ist das denke ich nicht geeignet.
Gleicht sich die Spannung nicht aus, wenn ich die Längssaiten mit unterschiedlichen Härten
gespannt habe und dann damit Bälle schlage?
Ja, nach einer gewissen Zeit gleicht sich die Spannung aus.
Wenn Sie die Wahl zwischen einer Hebelarm- und einer Kurbelmaschine hätten, für welche
würden Sie sich entscheiden?
Ich würde eine Hebelarm-Maschine vorziehen, weil sie etwas gleichmäßiger arbeitet.
Bei einer Feder, so wie sie in einer Kurbelmaschine verwendet wird, hat man immer das Problem,
daß die Temperatur einen Einfluß haben kann, und die Feder kann auch mit der Zeit weicher
werden. Ein Gewicht wie bei der Hebelarm-Maschine verändert sich nie. Ein weiteres Kriterium ist,
daß die Hebelarm-Maschine den Zug auf die Saite ständig ausübt, während die Kurbel
bei einem bestimmten Gewicht einrastet und dann nur noch die Saite festhält. Ich habe schon auf
beiden Maschinen gearbeitet und die Erfahrung gemacht, daß die Hebelarmmaschine wesentlich
bessere Resultate liefert.
Gibt es Schlägermodelle, die Sie nicht gerne besaiten?
Es gibt sicherlich Schläger, die einfach zu besaiten sind. Es kommt auch immer auf die Saite an.
Einen klassischen Prince-Schläger mit einem 14/17 Muster macht ein geübter Besaiter in 12-15
Minuten. Auf der anderen Seite kann es z.B. bei einem Head Prestige mit geschlossenem Ösenband und
einem 18/20 Besaitungsmuster auch schon mal bis zu einer halben Stunde dauern.
Wie ist es möglich, einen Schläger in 15 Minuten zu bespannen? Ich brauche mit meiner
Hebelarm-Maschine ungefähr drei mal so lange.
Die ständige Übung macht viel aus, durch die Fingerfertigkeit ist man schneller beim
Durchweben der Quersaite. Und mit den modernen elektronischen Maschinen ist der Spannungsvorgang
wesentlich schneller.
Kennen Sie die Besaitungsmuster von allen Schlägern auswendig?
Natürlich nicht von allen Schlägern, aber von ca. 95% der Schläger, die auf der Tour
gespielt werden (Damen und Herren zusammengenommen sind das schätzungsweise 200 verschiedene
Modelle) kenne ich das Besaitungsmuster. Ein Besaitungsbuch verwendet man als Turnierbespanner nicht,
das Muster kann man sich mit etwas Erfahrung aus den Ösen ableiten.
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Gibt es einen Spieler unter den Top100, dessen Schläger nicht in irgendeiner Weise getunt ist?
Ich denke nicht. Ich habe schon fast alle Schläger von den Spielern in der Hand gehabt, und von
den Top 200 der Herren spielen alle getunte Schläger.
Was ist neben Blei die meistverwendete Maßnahme, um die Schlägereigenschaften zu
verändern?
Blei alleine reicht meistens nicht aus, da man das Blei zwar am Kopf, an den Seiten und im Herz
verteilen kann, aber um die Balance wieder auszugleichen, muß man etwas hinter dem Balancepunkt
machen. Heute wird dazu meistens Silikon in den Griff gespritzt. Manche Schläger haben dafür
extra Kanäle im Griff.
Wird sonst noch am Griff oder am Rahmen manipuliert?
Manche Spieler spielen spezielle Griffe. Es gibt z.B. Spieler, die spielen einen Dunlop-Schläger,
aber einen Head-Griff, oder speziell angefertigte Griffe. Dazu braucht man eine Form und der Griff wird
mit Epoxy-Harzen reingegossen. Es gibt auch Spieler mit speziellen Bohrungen im Schläger, z.B.
damit der Schläger zwei Saiten mehr hat, oder auch zwei Saiten weniger. Mark Woodforde hat einen
Schläger mit 12 Längssaiten gespielt, das war eine Spezialbohrung. Andre Agassi hat jahrelang
einen Schläger mit 20 Längssaiten gespielt.
Kann man die Griffe verschiedener Hersteller gar nicht miteinander vergleichen?
Der Umfang ist bei einer bestimmten Griffstärke in etwa gleich, aber die Form ist oft
unterschiedlich. Zum Beispiel sind Head-Griffe meistens etwas flacher und die Kanten sind etwas
prägnanter als z.B. bei Wilson.
Gibt es noch Spieler, die Ledergriffbänder benutzen?
Ja, es gibt einige Spieler, die noch mit Leder spielen. Mit Leder hat man direkteren Kontakt zum
Schlägergriff, man spürt die Kanten besser als mit synthetischen Overgrips oder
Basisbändern, da diese wesentlich weicher sind.
Gleichzeitig sinkt damit aber doch die Dämpfung des Aufprallschocks und der Arm wird
stärker belastet.
Bei austrainierten Leuten, die tagtäglich trainieren und Krafttraining machen, wird eigentlich
wenig Wert auf Dämpfung gelegt. Diesen Spielern kommt es hauptsächlich darauf an, daß
sie den Ball spüren und ein optimales Gefühl haben, so daß auf diesen Punkt oftmals
verzichtet wird. Es gibt sogar Spieler, die ohne Basisband spielen, sondern z.B. nur zwei Overgrips.
Das ist normalerweise das tödlichste für den Arm, was ein Hobbyspieler machen kann.
Was schätzen Sie: Wie viele Prozent der Spieler spielen wirklich den Schläger, den sie
nach außen hin vorgeben zu spielen?
Vielleicht so ca. 50%. Oftmals spielen die Spieler mit dem Vorgängermodell, welches sie
gewöhnt sind, und der Schläger wird überlackiert in dem Design des neuen Modells.
Welche ist Ihre momentane Lieblingssaite?
Meine Lieblingssaite ist ganz klar die Darmsaite. Ich habe diesen Sommer auch ein paar mal die
Kombination Polyester/Darm ausprobiert, aber ich bin eigentlich ein klassischer Darmsaitenspieler.
Welches sind die Vorteile, die Naturdarmsaiten immer noch gegenüber teuren Kunstsaiten haben?
Die großen Vorteile sind einfach der Spannungserhalt, das Gefühl, die Präzision und
der Komfort. Das ist von keiner Kunstsaite derzeit zu schlagen.
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Hat Pacific eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung für Tennissaiten?
Wir haben ein sogenanntes Test-Team und arbeiten mit unseren Produzenten natürlich eng zusammen
bei der Saitenentwicklung. Konkurrenzbeobachtung spielt natürlich auch eine Rolle. Wir geben den
Herstellern dann vor, was wir benötigen, und bekommen dann Muster bzw. Prototypen und probieren
diese durch unser Test-Team aus. Ich selbst teste natürlich auch. Dann wird entschieden, ob das
Produkt in dieser Form auf dem Markt kommt oder ob noch Veränderungen gemacht werden müssen.
Die Pacific-Darmsaiten werden in Neuseeland entwickelt und produziert.
Welche Eigenschaften der Saiten kann man bei den Herstellern "bestellen"?
Es gibt viele verschiedene Konstruktions- und Materialvarianten, aber was z.B. heute ein großer
Faktor ist, ist das Coating, also die Oberflächenbeschichtung. Da gibt es schon sehr große
Unterschiede, die die Spieleigenschaften beeinflussen. Dabei handelt es sich um Wachse, Silikone oder
Öle, die dann z.B. die Oberfläche anrauhen, um dem Ball mehr Spin zu geben. In diesem Bereich
ist in den letzten Jahren die meiste Forschung betrieben worden.
Welche Saiten geben am meisten Spin? Dicke, dünne oder strukturierte Saiten?
Mit dünnen Saiten erhält man den besten Spin, da die Saite besser in den Ball greift. Bei
Schlägern mit sehr offenem Saitenbett (z.B. 14 Längssaiten) erhält man von Haus aus
mehr Spin, wohingegen man bei klassischen Schlägern mit engem Saitenbett keine dicke Saite
verwenden sollte, am besten 1.25 mm oder 1.20 mm.
Wie sehen Sie die Entwicklung des Saitenmarktes? Der Kunde will möglichst wenig Geld ausgeben,
wodurch die Hersteller im Prinzip gezwungen sind, günstiger zu produzieren. Nimmt dadurch nicht
langfristig die Qualität der Tennissaiten ab?
Die Gefahr sehe ich eigentlich nicht. Die Qualität der Synthetiksaiten und Polyestersaiten ist
in den letzten 10 Jahren enorm gestiegen. Man muß bei den Kunden klar unterscheiden zwischen
Leistungsspielern und Hobbyspielern. Leistungsmäßige Spieler, die wöchentlich oder
14tägig ihre Schläger neu bespannen, können die einfachsten Saiten verwenden, z.B.
Polyestersaiten. Spielern, die nur ein mal pro Woche oder seltener Tennis spielen, sollte man
allerdings keine Polyestersaiten empfehlen. Das wäre im Prinzip Betrug am Kunden, da dieser dann
unter Umständen ein Jahr lang mit der Saite spielt, aber die Saite nach 2-3 Monaten total
ermüdet ist und relativ schlecht dämpft. Es besteht dann die Gefahr, einen Tennisarm zu
bekommen. Darauf muß man als Besaiter oder Servicemann achten und dem Kunden ein paar Fragen
stellen. Wie oft er spielt, wie oft er Saiten kaputtschlägt, und mit welchem Schläger er
spielt. Dann kann ich entscheiden, welche Saite die richtige für ihn ist. Spielern, die nie eine
Saite kaputtmachen, sollte man eine multifile oder eine Darmsaite empfehlen.
Welche Saiten sollte der Clubbesaiter in seinem Repertoire haben?
Man sollte auf jeden Fall 4-6 verschiedene Saiten anbieten. Eine Polyestersaite in 2 verschiedenen
Durchmessern (z.B. 1.25 mm und 1.30 mm), eine Nylonsaite in 1.30 mm, und im multifilen Bereich ein
bis zwei Saiten, z.B. 1.35 mm für etwas hochprofiligere Schläger mit offenem Saitenbett
und 1.30 mm. Eine Darmsaite rundet ein gutes Saitenangebot ab.
Herr Strähle, hiermit sind wir am Ende dieses Interviews angelangt. Ich danke Ihnen für
Ihre ehrlichen und kompetenten Antworten!
Ich habe ihnen gerne zur Verfügung gestanden und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg mit
dem Saitenforum. Ich habe mir Ihre Seiten natürlich auch angesehen und finde das
Informationsangebot sehr gut. Gerade Hobbybesaiter und interessierte Tennisspieler, die noch nicht
viel über das Material bescheid wissen, finden hier umfassende Informationen über Saiten,
Maschinen und Besaitung und haben zusätzlich die Möglichkeit, mit Gleichgesinnten über
diese Themen zu diskutieren. Ich kenne keine vergleichbare Internet-Seite.
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